Gerade mal ein paar Stunden nach Bekanntwerden seines Todes, und lange, bevor die schreibende Zunft seinen Namen googelt und sich gegenseitig sowas wie "visionäre Bildwelten" abschreibt, hat sich die Nachricht unter seinen Freunden und Verehrern in einschlägigen Threads verbreitet.
Nur damit es keine Missverständnisse gibt: er war MEIN imaginärer großer Freund und Idol, lange lange bevor irgendwelche Jungspunde und Nachbeter sich als Kenner aufzublasen begannen und schon gar, bevor die Zahnarztgattinnen und Cordhosen- und Schalträger ihn zu ihren Vernissagewixvorlagen vereinnahmten.
der Meister aquarellierte auch im Urlaub gern
Im Jahre des Herrn 1972, als ich mich mit Rucksack und einigen anderen Lümmeln mal wieder in Paris herumdrückte, entdeckten wir einen auf einem Regenfallrohr klebenden Fresszettel, der uns zu einer winzigen Einraumgalerie neben der noch existierenden Markthalle lockte.
Der erleuchtete Galerist hatte sich die Originale des 6ten oder 7ten BLUEBERRY-Bandes besorgt, die üblichen vielfach überklebten und mit TippEx korrigierten Halbseiten-Kartons mit blauem Vorzeichnungsgekritzel und Begrenzungsmarkierungen für den Drucker, vor denen wir uns die Augen ausstarrten.
Auf einem Tischchen lag noch ein Stapel anderer Zeichnung dieses "Jean Giraud", die man für ein paar Francs kaufen konnte. Das wäre der Moment gewesen, sich den Grundstock für ein Vermögen zu schaffen.
Ich entschied mich leider nur für ein großformatiges Plakat mit einem revolverzückenden Blueberry, das mich bis vor Kurzem begleitete und noch in den Neunzigern auf dem Klo hing und mir zuletzt als Geschenkpapier diente, und das ich jetzt schmerzlich vermisse.
Der Name Giraud war uns schon seit Jahren ein Begriff, nachdem Springer selig die wohl einzige gute Tat seines Lebens begangen und der Gründung des "KORALLE"-Verlages zugestimmt hatte, der wiederum mit dem peinlichen "ZACK" und lieblos übersetzten und wahllos angekauften französischen Comics den Jungs das Geld aus der Tasche ziehen sollte. Hat geklappt, schlimm genug, aber was sollte man tun.
Und ich wusste, was ich tat, denn kurz zuvor war ein großer Softcover-Band vom Münchner MOOS-Verlag auf den Markt gekommen, der mit bis heute unerreichter Sorgfalt und Liebe über die Welt der Comics berichtete: "COMICS - ANATOMIE EINES MASSENMEDIUMS" von Reitberger und Fuchs für stolze 40 Märker. Konnte ich mir dank eines Sortierjobs in der Gemüseabteilung von WERTKAUF und eines Vorschusses von Muttern locker leisten; und nach einem heißen Sommerwochenende bei geschlossenen Fensterläden war ich ein anderer Mensch.Egal.
Jean, 1939 geboren, war damals schon ein reifer Mann und für seine Bildermacht unter den Franzosen weidlich bekannt, auch wenn seine Originalvorlagen wie damals üblich nix wert waren. Sein Blueberry war und ist ein mit Liebe zum Genre geschaffenes und vom Geist der Zeit geprägtes kommerzielles Produkt ohne jeden Kunstanspruch, in dem sich Belmondos Nonchalance und die Widerborstigkeit der Mairevoluzzer vereinten. Blueberry saß in friedlichen Zeiten meistens im Loch oder goss mit seinen versoffenen Kumpels einen auf die Lampe. Regelmäßiges Waschen war nicht sein Ding ("...vous puez!").
Das wahre Genie von Texter Charlier zeigte sich erst nach über zehn Jahren in einer Kurzgeschichte, die die Herkunft seines Namens klärt: einst Spross einer reichen Pflanzerfamilie musste er zu Beginn des Bürgerkriegs auf Grund einer falschen Mordanklage zur Nordstaatenarmee fliehen. Nach seinem Namen gefragt blickte er um sich und sah einige Blaubeerbüsche.
Es rumorte in diesen Jahren in der Verlagswelt und schon bald explodierte "METAL HURLANT", sozusagen "in Besitz der Belegschaft" auf dem Markt und Moebius war geboren.
Um die acht Seiten von "Arzach" würde man heute ein 200 Seiten Epos stricken und "Jerry Cornelius" überfordert noch heute jeden Szenaristen; die maßlose Verschwendung wertvoller Erzählmotive war geradezu empörend und wurde nur noch von Springers "Phoebe Zeitgeist" antizipiert.
Tausende junger Menschen wollten Comiczeichner werden.
Jean ging nach Mexiko und kaute komische Pilze, tat seiner Kreativität nur gut.
Der Erzähler in ihn hatte irgendwann das Delirieren in zusammenhanglosen Bildern satt, sonst wäre er tatsächlich zu einem der vielen überflüssigen Posterkünstler verkommen; der Sinn stand ihm nach Plot, Synopsis, Story, Scenario, Spannungsbogen, Cliffhanger.
Er traf Jodorowsky und machte mit ihm den "INCAL", damals eine Sensation, noch heute ein Brotjob für mediokre Zeichner.
Jodorowsky äusserte sich später nicht sehr positiv über ihn, die beiden hatten wohl langfristig keinen rechten Draht, und er charakterisiert ihn wie der Meister sich selbst sah, als eine "Zeichenmaschine".
Die ästhetischen Parasiten in Hollywood riefen an, und mancherlei Staffage in "Alien", "Blade Runner" und was weiß ich noch alles trägt seinen Stempel. Er lernte schnell, Rechnungen zu schreiben und wurde ein reicher Mann. Das gute Wetter zog ihn nach Kalifornien, aber die Küste der Deppen hielt ihn nicht.
Foto Alberto Estevez
So wie Bob Dylan Jahr für Jahr brav seine Arbeit macht, kam Moebius zurück zu Blueberry und brachte einen noch ein paar Jahre zum Staunen.
Sein verwegener Lieutenant wurde ein Kämpfer mit den letzten freien Indianern, schliesslich wurde er zum Stutzer und pokerte mit den Earps.
Vor einigen Jahren konnte man des Meisters Arbeiten im Karlsruher Kunstverein bewundern und er war zur Eröffnung zugegen, bescheiden und freundlich zu jedermann.
Wer ahnte damals schon, dass er ein kranker Mann war.
Die Jugend ist vorbei. Ich geh' jetzt auf's Klo eine Runde heulen.






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